Friedrich Wilhelm Voigt geboren 13. Februar 1849 in Tilsit In den Akten geführt als: Schuhmacher und Maschinist
In früher Jugend schon mit dem Gericht in Berührung
gekommen, wegen Landstreicherei
(Diebstahl) 1. Strafe 12. Juni 1863, 14 Tage Gefängnis
Danach folgten noch weitere 6 Verurteilungen , darunter auch
10 Jahre Zuchthaus wegen
Urkundenfälschung und 15 Jahre Zuchthaus wegen Diebstahls in einer Gerichtskasse
in Wongrowitz
Entlassung am 12. Februar 1906 aus dem Zuchthaus Rawitsch,
gelegen im sogenannten Polinschen Korridor.
Danach fand er durch Vermittlung des Anstaltsgeistlichen eine Anstellung,
die eine Lebens-stellung hätte werden können, in Wismar bei dem
Hofschuhmachermeister Hilbrecht, vom 23. Feb. bis zum 21. Mai 1906.
In Wismar hatte er sich ordentlich angemeldet, seine Steuern bezahlt und es
wurde ihm zugesichert, dass ihm trotz seiner Vorstrafen keine Steine in den
Weg gelegt werden würden.
Von hier aus versuchte er auch, aber vergeblich, einen Pass bei seinem Heimatort
Tilsit zu erhalten.
Das Hofmarschallamt des Großherzogtum Mecklenburg - Schwerin, hat ihn
aber trotz anderer Versprechungen ausgewiesen, da er unter Polizeiaufsicht
stand.
Diese Handlungsweise war zwar gesetzlich richtig aber nicht zwingend, da er
eine gesicherte Arbeit und eine gutbeleumdete Unterkunft hatte. In der späteren
Gerichts-verhandlung hat der Hofschuhmacher Hilbrecht auch für Wilhelm
Voigt gut ausgesagt.
Er fuhr über Umwege nach Berlin und fand Unterkunft bei seiner Schwester, die in Rixdorf bei Berlin, in der Kopfstraße 27 verheiratet war. Sein Geld für seinen Lebensunter-halt verdiente er sich bei einer Schuhwarenfabrik in der Breslauer Straße.
Mit einer Verfügung des Polizeipräsidenten von Berlin vom 17. August 1906 ist er aus Berlin und weiteren 42 Gemeinden wegen seiner vielen Vorstrafen von insgesamt 27 Jahre und der damit im Zusammenhang stehenden Polizeiaufsicht ausgewiesen worden.
Er fand aber in der Lange Straße 22 bei einer Frau Karpehr, am Schlesischen Bahnhof, eine Schlafstelle, wo er ohne polizeiliche Anmeldung wohnte und von wo aus er seinen Coup plante und die Vorbereitungen durchführte.
Aus der Zeitung hatte er erfahren, dass die Stadt Cöpenick bei Berlin einen Haushalts-überschuß hatte, und dass sie Anstalten treffen wolle, eine größere Summe, 2 Millionen in Wertpapiere, bei sich einzulagern.
In Potsdam bei Berlin erwarb er nach und nach bei einem Trödler in der Mittelstraße 3, im Holländer - Viertel, eine Hauptmannsuniform des 1. Garderegiments zu Fuß.
Diese legte er am 15. Oktober abends in der Jungfernheide
an, fuhr mit dem Frühzug am 16. Oktober 1906 nach Cöpenick, unterrichtete
sich über die Örtlichkeit, und fuhr danach zum Bahnhof Putlitzstraße
zurück.
Gegen Mittag rekrutierte er 3 Soldaten und einen Gefreiten - 4 Mann - des
Gardefüsilier-regimentes und 5 Soldaten und einen Gefreiten - 6 Mann
- vom Garderegiment zu Fuß, Wachen der Schießstände und Schwimmanstalten.
Über Rummelsburg fuhr er mit dieser Mannschaft nach Köpenick.
Ungefähr gegen 3 ½ Uhr besetzte er „Im Namen seiner Majestät“ das Rathaus zu Cöpenick. Mit zwei Soldaten betrat er das Zimmer des Bürgermeisters, Dr. Langerhans, und versicherte ihm, dass ihm die ganze Angelegenheit zwar peinlich wäre, aber als Militär müsse er den gegebenen Befehlen gehorchen.
Von dem Kassenrendanten von Wiltburg verlangte er einen Kassenabschluss zu machen, denn er habe „die Verwaltung der Stadt übernommen.“
Der Abschluss gestaltete sich etwas schwierig, da es anfänglich
eine Unregelmäßigkeit in Höhe von 13.67 Mark gab. Man fand
noch eine Hartgeldrolle mit 12 Mark.
Doch es blieb eine Differenz von 1,67 Mark.
Der endgültige Abschluß ergab einen Kassenbestand
von 4000,70 Mark.
Zinsanleihscheine in Höhe von 443,25 Mark ließ der falsche Hauptmann
liegen, so dass er einen Barbestand von 3557,45 Mark, die in zwei Postsäckchen
gefüllt worden waren, übernahm.
Auf Verlangen des Redanten quittierte er die Übernahme des Geldes mit
einer Unterschrift „von Malzahn“ und dem Zusatz „H.i.1.
G.R.“ , Abkürzung: Hauptmann im ersten Garderegiment.
Den Bürgermeister, Dr. Langerhans, begleitet von seiner Gattin, und den Rendanten, von Wiltburg, ließ er in zwei geschlossenen Wagen zur Neuen Wache (Im Zeughaus, Unter den Linden) nach Berlin schaffen.
Er wartete die Abfahrt der Kaleschen ab, traf noch Anordnungen für Einziehung der Wachen und fuhr mit dem Zug gegen 5 ½ Uhr zur Friedrichstraße, wo er sich bei dem Geschäft für Herren – Garderobe, Hoffmann, an der Ecke Schützenstraße einen Anzug nebst Paletot und Hut für 188,50 Mark. Auch in diesem Geschäft nannte er sich „von Malzahn“.
Zur Ergreifung des Täters, man vermutete, es handele sich um einen ehemaligen Militärange-hörigen, wurden vom Regierungspräsidenten 2000.- Mark und von der Stadt Cöpenick 1000.- Mark Belohnung ausgesetzt.
Wilhelm Voigt besuchte seine Schwester in Rixdorf und ließ
sich mit ihr fotografieren.
Dieses so genannte Kabinettbild schickte er seinem früheren Arbeitgeber
in Wismar, dem Hofschuhmachermeister Hilbrecht.
Der übergab das Foto, nachdem er von der ermittelnden Polizei gehört
hatte, dass es sich bei dem falschen Hauptmann um den bei ihm angestellt gewesenen
W. Voigt handeln solle, der Behörde.
Später erhielt er für diese Unterstützung der Ermittlungsarbeit
eine Belohnung von 200.- Mark.
Am 26.Oktober 1906 um 7 Uhr ist Wilhelm Voigt in der Wohnung am Schlesischen
Bahnhof verhaftet worden. Zu diesem Zeitpunkt hatte er von dem erbeuteten
Geld schon 769,45.- Markt ausgegeben.
Das Gericht hatte für tatsächlich festgestellt erachtet:
dass der Angeklagte zu Plötzensee und Cöpenick am 16 Oktober 1906
durch ein und dieselbe Handlung
1. unbefugt eine Uniform getragen
2. unbefugt Handlungen vorgenommen hat, welche nur kraft eines öffentlichen
Amtes vorgenommen werden dürfen,
3. vorsätzlich und widerrechtlich den Bürgermeister Langerhans,
den Stadtkassenrendanten von Wiltburg und den Obersekretät Rosenkranz des Gebrauchs der
persönlichen Freiheit beraubt hat,
4. in der Absicht, sich einen rechtswidrigen Vermögensvorteil zu verschaffen,
das Ver-mögen der Stadtgemeinde Cöpenick dadurch um 3557, 45 Mark
beschädigt hat, dass er durch Vorspielung falscher Tatsachen einen Irrtum
erregte,
5. in rechtswidriger Absicht eine Privaturkunde, welche zum Beweise von Rechten
und Rechtsverhältnissen von Erheblichkeit ist fälschlich angefertigt
und von derselben zum Zwecke einer Täuschung Gebrauch gemacht hat, und
zwar in der Absicht, sich einen Vermögensvorteil zu verschaffen.
Wilhelm Voigt erhielt nur 4 Jahre Gefängnis, da die schwere
Urkundenfälschung keinen erheblichen Einfluss auf die Erlangung des Geldes
hatte. Ein Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte konnte nicht ausgesprochen
werden, da diese schon bei seiner letzten Bestrafung Gegenstand waren.
Die Kostenlast des Verfahrens trug der Angeklagte.
gez. Dietz gez. Oertel gez. Schreiber gez. Buchow gez. Dr. Blumenrath
Am 15.8.1908 wurde Wilhelm Voigt vom Kaiser aus der Haftanstalt Tegel begnadigt.
Die Presse, die Öffentlichkeit feierte ihn wie einen Helden, man bot ihm Villen zur Wohnung an, wollte ihn auf die Bühne stellen, die Weiblichkeit spendete ihm Blumen, Leckerbissen und Liebesbeteuerungen.
Er nahm Quartier in der Invalidenstraße, im „Hotel Hamburg“
Mit dem Zug oder dem eigenen Auto mit Chauffeur zog er durch Deutschland und erzählte seine Geschichte.
Seine Wege führten ihn auch nach London, Kanada und New
York.
1909 zog er nach Luxembourg, wo seine Zuzugsgenehmigung bekam.
Wohnort war Neippergstraße 5.
Ab 1916 wurde er ordentlicher Bürger in der Stadt Luxemburg, wo er auch
nach seinem Tode, am 3. Jan. 1922, auf dem Friedhof der Gemeinde „Zu
den Lieben Frauen“ - Notre Dame - beigesetzt wurde.
Der Zirkus „Sarasani“ hatte für längere
Zeit die Pflege der Grabstätte übernommen.
1974 wurde sie auf Betreiben eines Abgeordneten des Europäischen Parlamentes
von dem Großherzogtum Luxembourg übernommen und ist heute noch
zu besichtigen.
Ausgearbeitet von
Jürgen Hilbrecht
1.12.05




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